Landtagsrede vom 21.05.2010 zu TOP 62: Bericht Ausbildung in der Pflege (Drucksache 17/452)
Den Pflegeberuf nachhaltig attraktiv machen
Vielen Dank für diesen Bericht. Das Thema Pflege ist zurzeit in aller Munde, aber ist es auch wirklich in allen Köpfen angekommen?? Pflege muss oft als Grundlage für schöne Sonntagsreden oder Grußworte herhalten und immer wieder wird betont, was für eine schwere Aufgabe die Pflegenden doch zu leisten haben. Und was kommt dann??? Nichts bzw. viel zu wenig.
Mit Zustimmung aller Fraktionen hat der Landtag unter der Federführung von Dr. Gitta Trauernicht das Selbstbestimmungsstärkungsgesetz vorgelegt. Es hat die Rechte und Möglichkeiten der Menschen mit Pflegebedarf in allen Bereichen gestärkt, es hat für Transparenz und Schutz gesorgt. Aber wo bleiben denn die Umsetzungen, wo bleiben die Verordnungen, Herr Dr. Garg??? Die Einrichtungen und auch die Mitglieder des Sozialausschusses warten händeringend darauf. Ein halbes Jahr im Amt und nichts passiert.
Und es muss weitergehen, denn Pflege hat zwei Seiten: Diejenigen, die Pflege benötigen, und diejenigen, die pflegen sollen. Die Voraussetzungen sind schwierig: Immer mehr Menschen werden immer älter. Gott sei Dank, ich freue mich über diese Entwicklung. Aber es gibt immer weniger junge Menschen, und von diesen wollen immer weniger in der Pflege arbeiten. Zahlen des deutschen Pflegerates belegen, dass uns in den nächsten 10 Jahren mindestens 77.000 zusätzliche Pflegefachkräfte in Deutschland fehlen werden.
Gab es 2007 79.081 pflegebedürftige Menschen in Schleswig-Holstein, so werden es im Jahr 2025 etwa 115.000 sein. Hier wird der steigende Bedarf an Pflegefachkräften deutlich. Leider hat die Landesregierung im Bericht keine Antwort auf unsere Frage gegeben, wie der nötige Ausbildungsbedarf befriedigt wird.
Daher appellieren wir an Sie, Herr Dr. Garg, den Landeszuschuss für Ausbildungsplätze im Rahmen Ihrer Sparpolitik nicht zu kürzen, sondern eher noch auszuweiten, so wie wir es in der Vergangenheit getan haben. Erschwerend kommt auch dazu, dass Altenpflegeschüler ihre Ausbildung zum Teil selbst finanzieren müssen.
Weiterhin beschreibt der Bericht die Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen als demotivierend, so dass die Ausbildung wenig attraktiv für junge Menschen ist. Pflegekräfte haben keine verlässlichen Arbeitszeiten, arbeiten im Schichtdienst und haben einen physisch und psychisch sehr anstrengenden Beruf. Zudem erfahren die Pflegefachkräfte außer in Sonntagsreden keine gesellschaftliche Anerkennung, der Lohn ist gering und die Aufstiegschancen in der direkten Pflege begrenzt, es sei denn, man strebt nach abgeschlossener Ausbildung ein Studium an, was sich 40% der Azubis vorstellen können, die uns dann auch wieder bei den Patienten fehlen.
Die jungen Menschen, mehrheitlich Frauen, die diesen Beruf wählen, tun dies mit der Motivation, kranken Menschen zu helfen, ohne allerdings an einem Florence Nightingale-Syndrom zu leiden. Sondern sie stellen sich u. a. den modernen Anforderungen von Kommunikation, einer ressortübergreifenden Zusammenarbeit, technischem, pharmazeutischem, ernährungswissenschaftlichem und medizinischem Wissen. Sie setzen sich auseinander mit moralischen, ethischen und kulturübergreifenden Gedanken. Und dann, dann trifft sie der Alltag. Denn das, was sie gestern in der Schule gehört haben, ist heute im Dienst nicht relevant. In kaum einer anderen Ausbildung klafft die Schere zwischen theoretischem Wissen und der Anwendung im Alltag so weit auseinander. Der Alltag in den Pflegeberufen ist durch einen ständigen Spagat zwischen fachlicher Kompetenz und wirtschaftlichen Zwängen geprägt. Ein Spagat zwischen Menschlichkeit und Geld. Die Minuten geben den Takt vor, nicht der Mensch.
In keinem anderen europäischen Land verlassen so viele Pflegefachkräfte innerhalb von 10 Jahren den Beruf wie in Deutschland wegen Frust, Unzufriedenheit und arbeitsbedingten Erkrankungen. Und wir hier an der Grenze zu Dänemark haben ein besonderes Problem: Immer mehr Pflegekräfte suchen sich Arbeitsplätze in Skandinavien, weil sie dort bessere Rahmenbedingungen vorfinden.
Wer Pflege als Berufswahl nachhaltig attraktiv machen will, muss in die Arbeitsbedingungen, Personalschlüssel, Karrierechancen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Aus und Weiterbildung und nicht zuletzt auch in Vergütungen investieren.
Nach langem, zähem Ringen hat die Kommission sich jetzt auf einen Mindestlohn in der Pflege geeinigt: 8.50 West, 7.50 Ost. Gott sei Dank ist es nur die Grenze nach unten. Warum? Weil es tatsächlich noch Heime und ambulante Dienste gibt, die Pflegefachkräften unter 5 pro Stunde bezahlen. Pflegepersonal wird oft genug ausschließlich als Kostenfaktor angesehen und nicht als Sicherung von Qualität.
Und Herr Garg, was hat sich eigentlich Ihr Parteikollege, der Wirtschaftsminister Brüderle gedacht, als er die Mitzeichnung erst einmal blockierte? Er meinte, wir können uns das nicht leisten. Hier zeigt sich: Pflege ist in aller Munde, aber in den Köpfen noch nicht angekommen. Herr Brüderle hatte offensichtlich noch nicht begriffen, um was es hier geht. Aber auch das ist typisch FDP: Es geht Ihnen ums Geld und nicht um die Menschen!!
In meiner Jugend bin ich viel mit diesen Buttons an der Brust herumgelaufen: Einer war dabei, darauf stand: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin Formulieren wir es doch mal um: Stell dir vor, du bist krank, und keiner kommt, um dich zu pflegen Lassen wir es nicht soweit kommen, lassen Sie uns gemeinsam für eine gute Zukunft in der Pflege für unsere Gesellschaft arbeiten.
Und bis dahin wünsche ich uns allen eine stabile Gesundheit!