Der Flugzeugabsturz am 10. April 2010, bei dem 96 Menschen ums Leben kamen, war für Polen die größte Tragödie der Nachkriegszeit,
denn unter den Toten waren neben Präsident Kaczynski zahlreiche Abgeordnete des Parlaments, hochrangige Offiziere sowie weitere hohe
Repräsentanten gesellschaftlicher Institutionen.
Dieses tragische Unglück war Anlass für die Schleswiger SPD sich im Rahmen der schleswig-holsteinischen Europawoche mit der Situation
in Polen zu befassen. Knut Dethlefsen, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Warschau gab einen fachkundigen Einblick in
die aktuelle Lage.
(Landtagsabgeordnete und SPD-Vorsitzende Birte Pauls begrüßt Knut Dethlefsen und die zahlreich erschienen Gäste)
Zunächst erinnerte Dethlefsen an die Warschauer Verträge und den Kniefall Willy Brandts vor 40 Jahren. Dethlefsen: "Dieses Ereignisse
waren der Durchbruch für die deutsch-polnischen Beziehungen. Darauf kann auch die SPD stolz sein." Dethlefsen rief auch in Erinnerung,
dass es Gerhard Schröder war, der Polen in die EU holte. Nicht zuletzt deshalb genießt Deutschland in Polen ein sehr hohes Ansehen. Das
spielt natürlich auch für die Wirtschaftsbeziehungen eine wichtige Rolle. "Polen ist als Ostseestaat für Schleswig-Holstein von erheblicher
wirtschaftlicher Bedeutung - auch als Brücke zu anderen Oststaaten." so Dethlefsen.
Der Flugzeugabsturz ist lt. Dethlefsen ein schwerer Schlag für Polen, der erhebliche Konsequenzen hat (u. a. die vorgezogene Präsidentschaftswahl
am 20. Juni). Ein Teil der politisch und gesellschaftlich führenden Persönlichkeiten wurde auf einen Schlag aus dem Leben gerissen. Dethlefsen
erklärte, dass er eine öffentliche Trauer erlebte, die er in diesem Ausmaß nicht für möglich gehalten hätte. Da spielt natürlich die stark durch
die katholische Kirche geprägte Gesellschaft eine große Rolle.
Für die Präsidentenwahl hat Dethlefsen einen klaren Favoriten ausgemacht. Er sieht Bronislaw Komorowski, den Kandidaten der konservativ geprägten
PO vorn. Die PO, die auch die Partei von Donald Tusk ist, wird von Dethlefsen beschrieben als europaoffen, aber wenig sensibel für die sozialen
Probleme. Dem Kandidaten der ebenfalls konservativ geprägten PiS, Jaroslaw Kaczinsky, Zwillingsbruder des verstorbenen Präsidenten, räumt Dethlefsen
nur geringe Chancen ein. "Kaczinsky führt zwar einen sehr emotionalen Wahlkampf, aber die stark polarisierende und z.T. europafeindliche Haltung der
Kaczinsky-Brüder wird in Polen sehr kritisch gesehen." meinte Dethlefsen. Auch für die Parlamentswahlen 2011 und die anstehenden Kommunalwahlen wird
die PO als Sieger erwartet. Die sozialdemokratischen Parteien sind in Polen eher schwach und haben bei dem Flugzeugabsturz sowohl ihren
Präsidentschaftskandidaten, als auch wichtige Abgeordnete und Führungskräfte verloren.
Die derzeitige Lage in Polen ist bedingt durch eine relativ hohe Arbeitslosenquote und ein schlecht ausgebautes soziales Netz nicht ganz einfach.
Es gibt viele soziale Probleme und auch die demografische Entwicklung ist ähnlich wie in Deutschland negativ. Die Probleme auf dem Land, wo es so
gut wie keine Industrie und auch kaum kulturelle Angebote gibt, führt zur Landflucht. Problematisch ist auch die Arbeitsmigration nach Westeuropa.
In den Städten, wie z. B. Warschau ist die Lage anders. Dort gibt es so gut wie keine Arbeitslosigkeit und die Städte entwickeln sich auch im
kulturellen Bereich sehr gut.
Abschließend ging Dethlefsen noch kurz auf die Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung ein. Die FES setzt sich für eine weitere Verbesserung der
deutsch-polnischen Beziehungen ein. Als aktuelles Beispiel nannte Dethlefsen den Besuch einer hochrangigen schleswig-holsteinischen SPD-Delegation,
an der neben Björn Engholm und Ralf Stegner auch die Schleswiger Landtagsabgeordnete Birte Pauls teilnahm. Darüber hinaus kümmert sich die FES um
die Förderung der Demokratie und der Zivilgesellschaft und die weitere Integration Polens in die EU. Dethlefsen: " Die Kaczinsky-Zeit hat eher zu
Distanz anderer europäischer Länder zu Polen geführt, das gilt es zu ändern."

Kompetent und engagiert stellte sich Dethlefsen im Anschluss an seinen Vortrag den vielen Fragen der Gäste des Schleswiger SPD-Ortsvereins,
die zahlreich erschienen waren und sich sehr interessiert zeigten. Dethlefsen beschrieb sehr enthusiastisch, wie sich das kulturelle Leben
in den Städten entwickelt und dass auch die schönen Landschaften Polens wie z. B. Masuren immer eine Reise wert sind.
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